Neue Heimat – Erfahrungen und Ansichten eines ehemaligen „Gastarbeiters“

Simao Dilubenzi Fulama (52 Jahre), aufgewachsen in der Hauptstadt Angolas Luanda, lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Er arbeitet in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Berlin-Schöneberg, der Gesellschafterin der Immanuel Diakonie, und leitet dort die angolanische Gemeinde. Simao und seine Ehefrau haben drei Berliner Kinder. Sein Sohn Gelord Fulama Ndingui, Student der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Magdeburg-Stendal und derzeit Praktikant in der Immanuel Diakonie, hat ihn interviewt.

Simao Dilubenzi Fulama und Gelord Fulama Ndingui

Wann kamst du nach Deutschland?
Ich kam 1988 als Gastarbeiter in die damals noch existierende DDR. Auch wenn in Angola zu dieser Zeit Bürgerkrieg herrschte und ich allen Grund dazu gehabt hätte zu fliehen, kam ich nicht als Flüchtling. Es war eine freiwillige Entscheidung. Ich habe dann eine Ausbildung zum Betriebsschlosser gemacht.

Warum bist du geblieben?
Einer der Beweggründe für mein Bleiben war, dass ich Arbeit hatte und mich wohl gefühlt habe. Hinzu kam noch, dass meine Kinder in Deutschland geboren wurden und ich somit eine Familie hier hatte. Ich wollte auch für meine Kinder die besten Voraussetzungen für eine gute Ausbildung schaffen. Deutschland wurde zu meiner neuen Heimat.

Wie siehst du Deutschlands Rolle in der Flüchtlingssituation?
Die Länder, die helfen können, sollten auch helfen. Es freut mich, dass sich Deutschland der Verantwortung stellt und den Flüchtlingen hilft. Das Land geht als positives Beispiel voran.

Wie kann den Flüchtlingen geholfen werden?
Das ist eine schwierige Frage. Anhand der Wirtschaftslage des jeweiligen Landes ist zu überprüfen, wie umfangreich es möglich ist, Flüchtlingen zu helfen. Ein weiterer Punkt, wie geholfen werden kann, ist die Integration der Flüchtlinge. Manchmal denken die Leute, dass die Flüchtlinge nichts gelernt haben. Das ist falsch. Sie sind nicht ungebildet, viele haben studiert, eine abgeschlossene Berufsausbildung. Wichtig ist es, sie willkommen zu heißen, damit sie sich gleich wohl fühlen. Schließlich wollen auch sie in Frieden leben. Durch Anteilnahme und Unterstützung der Einheimischen kann ihnen der Einstieg und das Leben im neuen Land erleichtert werden.

Diese große Flüchtlingswelle bereitet vielen Sorgen. Es werden Flüchtlingsheime in Brand gesetzt und vor allem Rechtsradikale protestieren dagegen. Was meinst du kann man dagegen tun?
So etwas darf einfach nicht passieren. Dafür habe ich kein Verständnis und man kann sich nur schämen. Diesen Widerstand erleben wir selber immer noch, obwohl Deutschland unsere neue Heimat geworden ist und wir schon lange im Land leben. Du kennst es ja selbst aus Stendal. Da werden dir auch nicht immer freundliche Blicke zugeworfen. Ich weiß aber, dass nicht alle Deutschen so sind. Diejenigen, die dagegen protestieren, sind nicht genug über die Situation der Flüchtlinge informiert. Das muss sich ändern, um solche Reaktionen zu vermeiden.

Du leitest ja die angolanische Gemeinde. Worin seht Ihr bei diesem Thema Eure Aufgabe?
Zum einen kann unsere Gemeinde den Flüchtlingen helfen, in dem wir sie in unsere Gebete einschließen oder ihnen mit Wort und Rat beistehen. Zum anderen laufen in unserer Kirche auch Hilfsaktionen zur Unterstützung. Wir haben zum Beispiel Essen für Flüchtlinge bereitgestellt. Unsere angolanischen Gemeindemitglieder können sich gut in die Lage der Flüchtlinge hineinversetzen, weil viele von uns in ihrem Leben ähnliche Erfahrungen sammeln mussten. Deshalb spielen wir und andere Migranten eine wichtige Rolle für die Flüchtlinge. Wir wissen, wie die Dinge hier ablaufen; zum Beispiel, wie lange die Bearbeitung von Dokumenten in Ämtern dauert. Klar sind viele unserer Gemeindemitglieder aufgrund der eigenen sozialen Lebenssituation nicht in der Lage, finanziell zu helfen. Aber es sollte uns möglich sein, auf die eine andere Art und Weise Hilfestellungen zu bieten.

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