Guter Gastgeber sein – auch im Kleinen helfen

Foto: Nicki Pawlow

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Elmar Stapelfeldt, Jahrgang 1968, ist Heilpraktiker und Ernährungsberater für Ayurveda-Medizin sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Immanuel Krankenhaus Berlin in der Abteilung Naturheilkunde. Der studierte Indologe initiierte den ersten Master-Studiengang für Ayurveda-Medizin in Deutschland und wirkte so bei der akademischen Etablierung des Ayurveda im deutschsprachigen Raum mit. In privater Initiative hat Elmar Stapelfeld in den vergangenen Monaten ein Projekt ins Leben gerufen, welches persönlichen Kontakt zu geflüchteten Menschen in Zehlendorf sucht und sie bei der Integration in Gesellschaft und Arbeit unterstützt. Über dieses Engagement hat sich Jana Forsmann mit Elmar Stapelfeldt unterhalten.

Herr Stapelfeldt, Sie haben eine Initiative für geflüchtete Menschen ins Leben gerufen. Was war der Auslöser?

Ausgangspunkt meines Engagements waren die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln. Ich hatte die Befürchtung, dass junge Männer, die nichts zu tun haben und ihre Tage mit Warten verbringen, eine negative Entwicklung nehmen. Und dass damit auch die gesamte Flüchtlingsthematik eskaliert. Bis dahin hatte ich mit diesem Thema keine persönliche Berührung. Ich bin häufiger an der Flüchtlingsunterkunft in der Onkel-Tom-Halle vorbeigefahren, wusste jedoch nicht, wie ich mich engagieren könnte. Doch nach den Ereignissen der Silvesternacht hatte ich das starke Gefühl, etwas tun zu wollen. Es hat ganz einfach angefangen damit, dass ich bei der Heimleitung meine Kontaktdaten und Angaben zu meinen Sprachkenntnissen hinterlegt habe. Schon bald darauf habe ich einen jungen Mann, der an Tuberkulose erkrankt war, zu Arztterminen in Zehlendorf begleitet. Es hat mich wirklich überrascht und erstaunt, dass die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gegenüber diesem jungen Mann von Seiten der Schwestern, der Ärzte und Apotheker so groß war, dass viele wohl die Chance sahen, hier einem Menschen konkret helfen zu können. Diese direkte Begegnung zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen will ich mit dem Projekt „Potentiale“ möglich machen. Im persönlichen Umgang mit Geflüchteten, so habe ich vielfach erlebt, gibt es viel weniger Ängste als in der abstrakten öffentlichen Diskussion.

Für Ihre Initiative „Potentiale“ haben Sie deutsche Männer zusammengetrommelt und Sie richten sich auch vorrangig an männliche Geflüchtete. Ist das ein Männerprojekt?

Ja, es ist ein Männerprojekt! Als solches ist es konzipiert, weil wir gerade Männer ansprechen wollten, die nach den Vorfällen in Köln von Teilen der Gesellschaft plötzlich als eine Bedrohung wahrgenommen wurden. Meine Mitstreiter und ich haben gesehen, dass es für Kinder und Familien in den Unterkünften eine ganze Menge Angebote gibt. Wir wollten deshalb gerade die Männer ansprechen, die ganz jungen wie auch ältere Familienväter. Inzwischen kommen zu unseren regelmäßigen Treffen aber auch ganze Familien und Frauen.

Worum geht es konkret bei der Begegnung mit diesen Männern?

Zunächst war es nur als eher interkulturelle Begegnung gedacht, als Gelegenheit überhaupt in Kontakt zu kommen. Schnell haben sich drei Schwerpunkte herausgebildet: Wohnen, Arbeit, Feiern. Wir unterstützen die Leute dabei, eine Wohnung zu finden und Anschluss an die Arbeitswelt zu finden. Letzteres ist ganz wichtig, um wieder eine Perspektive im Leben zu haben, die vielen Potentiale zu nutzen und nicht brachliegen zu lassen. Doch wollen wir mit ihnen auch feiern und über traditionelle Feste aus ihren Herkunftsländern oder interkulturelle Veranstaltungen den Kontakt zur deutschen Bevölkerung weiter aufbauen.

Gelingt es, den Anschluss herzustellen?

Wir haben positive Erfahrungen gemacht. Viele Menschen in Deutschland, so mein Eindruck, wollen helfen und haben nun auch eine direkte Gelegenheit, das vor Ort zu tun. Vielfach läuft unsere Unterstützung über lokale Kanäle, über die Ansprache von Bekannten, Nachbarn usw. Der Fokus auf das lokale Umfeld ist meiner Meinung nach auch ein wichtiger Aspekt. Hier gelingt es, Menschen zu begegnen und sie konkret zu unterstützen.

Foto: Nicki Pawlow

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Was nehmen Sie aus diesen Begegnungen mit?

Ich fühle mich von den Begegnungen und Gesprächen sehr belebt. Es ist gut für mein Herz. Ich tue etwas Sinnvolles und spüre, wie ich mit den wesentlichen Dingen des Lebens in Berührung komme. Deutschland ist ein so reiches Land, das Leben vergleichsweise sorgenfrei. Nun habe ich die Möglichkeit, von diesem Geschenk etwas zurückzugeben – und das direkt an Menschen, denen ich begegne und deren Bedürfnisse ich durch diese Begegnung kennenlerne.

Lernen Sie von den Neuankömmlingen auch etwas über Berlin, über Deutschland und seine Menschen?

Ich war überrascht, wie viele der Geflüchteten sagen, dass die Menschen in Deutschland hilfsbereit und freundlich seien, dass sie sich hier willkommen fühlen. Unsere eigene Wahrnehmung ist oft eine andere. Da ist, glaube ich, ein großes Potenzial in der Bevölkerung. Wir sehen, dass wir gute Gastgeber sein können.

Die Medien zeichnen oft ein anderes Bild, und die deutsche Gesellschaft scheint in dieser Angelegenheit gespalten zu sein.

Ich bin überzeugt, dass man im Kleinen helfen kann und dieses dann auf das Große, auf das Gesamte zurückwirkt. Die Diskussionen in der Politik und in Teilen der Medien blende ich ganz bewusst aus. Ich halte sie zum Teil für einen Vorwand für das eigene Nichtstun. Meine Erfahrung ist die, wenn persönliche Kontakte und Erfahrungen mit geflüchteten Menschen bestehen, dann überwiegt die positive Einschätzung. Aus meiner Sicht ist die persönliche Begegnung die beste Methode, Ängste abzubauen. Die offene, freundschaftliche Begegnung ist ein ganz wichtiger erster Schritt. Alles Konkrete in der Integration kann sich dann daraus ergeben.

Die Arbeitskreis „Potentiale“ trifft sich einmal wöchentlich im Cafe Moritz in der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde Zehlendorf. Die Ehrenamtlichen bauen Kontakte zu geflüchteten Männern auf und unterstützen diese bei der Suche nach Wohnung, Arbeit und Ausbildung. Wer hierbei unterstützen möchte, kann den Arbeitskreis direkt kontaktieren (per Mail: arbeitskreispotentiale@yahoo.com oder mobil 0177 1429896). Der Arbeitskreis nimmt am „Runden Tisch Geflüchtete Menschen in Zehlendorf“ teil. Dieser ist das Bindeglied zwischen Ehrenamtlichen und Politikern von Bezirk- und Landesebene.

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