Gottes Tanz in Moll

Alles ist anders, nichts ist mehr, wie es einmal war. Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, dann trauert der Angehörige auf seine ganz eigene Art. Trauer ist ein seelischer Prozess, der viel Kraft fordert. Auch darum ist die Gemeinschaft und die Begleitung eines Trauernden eine besondere Herausforderung. Obwohl Trauer ganz individuell ist, so beschreiben Trauernde ihren Prozess mit ähnlichen Worten.

„Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.“
Friedrich Rückert

Raum der Stille im Diakonie-Hospiz Wannsee

Raum der Stille im Diakonie-Hospiz Wannsee

„Trauer in der Literatur“ war eines der Themen, die ich im vergangen Jahr im Trauercafé angeboten habe. Die Trauernden suchten sich unter vielen Gedichten (und es gibt unzählige!) das aus, was sie am meisten berührte. Sie unterstrichen die Worte und Sätze, durch die sie sich verstanden fühlten. Eine Frau wählte dieses Gedicht. „So ist Trauer“, erzählt sie „so begleitet sie mich, genauso wie der Gedanke an meinen verstorbenen Mann.“

Ein Trauercafé ist ein Ort, an dem Trauernde Raum haben, um einander zu begegnen und über ihre ganz eigene Art der Trauer zu reden, zu weinen oder zu schweigen. Hier erfahren sie, dass das, was sie gerade erleben, anderen auch so geht. Und sie dürfen trauern, obwohl sie das in ihrem sozialen Umfeld vielleicht nicht mehr zeigen.

Trauer ist für die meisten Menschen ein Gefühl, dem sie ausweichen wollen. Bekannte und Freunde von Trauernden „flüchten“ deshalb recht schnell in gut gemeinte Tipps und Vorschläge: Wie der Trauernde zu trauern hat, wie lange er trauern soll und wann genug ist. Manchmal wird auch der Verlust relativiert: „Du bist noch jung, du wirst wieder Kinder kriegen / eine neue Frau / einen neuen Mann finden…“ Oder aber auch: „Nun ist er / sie beim Herrn und erlöst.“ Solche Aussprüche sind selten hilfreich, denn sie vermitteln unterschwellig, dass es doch eigentlich gar nichts zu betrauern gibt. Dass alles irgendwie in Ordnung ist.

Aber genau das ist es nicht. Die Ordnung ist bei einem schweren Verlust aus den Fugen geraten. Die Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding hat Trauernde gebeten, ihre Trauer zu beschreiben. Herausgekommen ist ein empfehlenswertes Werkstattbuch „Gezeiten der Trauer“.

Trauernde selbst sprechen von einer Art „Schleusenzeit“, wenn sie vom Tod eines geliebten Angehörigen erfahren. Sie fühlen sich hilflos den Kräften der Trauer ausgeliefert. Niemand weiß, wie stark der Strom ist, der einen mitreißt. Die Trauer kann einen Hinterbliebenen völlig herunterziehen, sie kann ihn aber auch nur sanft umspülen.

Nach dieser akuten Schleusenzeit, die häufig mit der Beerdigung langsam abklinkt, beginnt die „Januszeit“. Benannt nach dem römischen Gott „Janus“, der zwei Gesichter hat: Eines blickt nach vorne, eines zurück. Trauernde wissen darum, dass sie nun ohne ihren Angehörigen leben müssen. Der Alltag fordert das einfach von ihnen. Ihre Seele verweilt aber noch in der Vergangenheit. Sie sehnen sich zurück nach dem Verstorbenen. Und diese Doppelsicht, ersehnte Vergangenheit und erzwungene Gegenwart / Zukunft, kostet enorm viel Kraft. Diese „Kraftanstrengung“ ist für das Umfeld spürbar. Trauernde sind oft dünnhäutig und empfindlich.

Baum im Garten vom Diakonie-Hospiz Wannsee

Baum im Garten vom Diakonie-Hospiz Wannsee

„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich meine Mutter ansprechen soll, ohne dass sie sich gleich angegriffen fühlt“, erzählt mir eine erwachsene Tochter, deren Vater vor kurzem gestorben war. Alles ist falsch, nichts ist richtig. Das macht den Umgang generell schwierig. Und auf Dauer ist die Gesellschaft eines empfindlichen und traurigen Menschen, schwer auszuhalten.

Wenn Trauernde mir ihr Leid darüber klagen, dass sie seit dem Tod ihres Partners nicht mehr eingeladen werden, dann erkläre ich die „andere Seite“. Freunde und Bekannte verstehen eine Zeitlang die Gemütslage eines Trauernden. Aber irgendwann möchten sie auch wieder etwas von der Beziehung haben. Sie möchten von sich erzählen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, sich in Gegenwart des Trauernden entspannen und auch lachen können.

Hier ist viel Großzügigkeit auf beiden Seiten gefordert. Auch der Trauernde darf großzügig zu seinem Umfeld sein. Die meisten Menschen meinen es gut und wollen helfen. Und wenn dem Trauerndem etwas an dem anderen liegt, ist es gut, dass auch zu sagen. „Ich weiß, ich bin sehr empfindlich. Du sollst wissen, deine Nähe tut mir gut.“

Gerade für diese Phase der Januszeit kann das Angebot einer Trauergruppe eines Trauercafes wertvoll sein, weil Trauernde unter Gleichgesinnten ihre Trauer teilen können. So lange, wie sie wollen.

Aber auch hier gilt: Was dem einem hilft, hilft dem anderen noch lange nicht. Manch einer braucht den Austausch, ein anderer will nicht darüber reden. Eine Frau erzählte mir, dass sich ihr Mann nach dem Tod der 30ig jährigen Tochter monatelang in seiner Arbeit vergraben hatte.

Es gab für sie keine Möglichkeit, mit ihm zu sprechen, was doppelt schmerzte. Glücklicherweise hatte sie gute Freundinnen, mit denen sie reden konnte und war in der Lage, die andere Art der Trauer ihres Mannes zu akzeptieren. Nach ca. einem Jahr „tauchte“ ihr Mann wieder auf und sie konnten ihre Beziehung behutsam gemeinsam neu gestalten.

In Smedings Buch wird diese Phase der Neufindung als „Labyrinthzeit“ beschrieben. Das Labyrinth ist ein Weg, der über viele kreisförmige Umwege in die Mitte und von da aus wieder nach außen führt. Wer bin ich ohne meinen geliebten Angehörigen? Wie sieht unsere Beziehung aus ohne unser Kind?

An die Labyrinthzeit schließt sich die „Regenbogenzeit“ an. Ein Regenbogen erscheint, wenn es regnet und die Sonne scheint. Neben der Trauer können Trauernde nun wieder das Schöne im Leben wahrnehmen. Hier verbindet sich das Land der Trauer mit der alltäglichen Umwelt. Nach einem schweren Verlust sind und bleiben Trauernde immer Wanderer zwischen diesen Welten.

Im Garten vom Diakonie-Hospiz Wannsee

Im Garten vom Diakonie-Hospiz Wannsee

Im Laufe meiner Arbeit mit Trauernden habe ich erfahren, dass Trauer nicht ein Zustand ist, der irgendwann abgeschlossen ist. Sondern vielmehr eine dynamische Welle, eine Art Bewegung, die die Trauernden lange begleitet, manchmal ein Leben lang.

Vielleicht ist die Trauer Gottes Tanz in Moll mit uns. Mal deutlich sichtbar und stark ins Leben eingreifend, mal nur im Hintergrund. Wenn wir die Trauer lassen, ohne sie anders haben zu wollen, ohne uns in ihr zu vergraben, sie zu zerren und zu ziehen, dann ist sie das größte Geschenk, dass Gott uns in dieser Situation machen kann. Denn sie ist letztlich heilsam.

Das gilt auch für den Umgang mit Trauernden: Nicht zerren und ziehen, sondern akzeptieren, dass sie sich gerade so zeigen, wie sie sich zeigen. Und dabei ein eigenständiges Gegenüber bleiben. Wer Trauernde begleitet, braucht sich nicht verbiegen. Denn Trauer braucht das Gegenüber. Wie im Tanz. Der Tanz lebt von den eigenständigen Bewegungen der Tänzer, die sich aufeinander einlassen, aber sich nicht selbst aufgeben.

Dieser Artikel erschien auch in der Zeitschrift „Die Gemeinde“ Nr. 23/2013

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